Stadttheater Giessen
    Im Zeichen von Naturhorn und Fagott

    Im Zeichen von Naturhorn und Fagott


    Zweites Sinfoniekonzert im Stadttheater entführt mit ungewöhnlichen Solisten in die Romantik und Neuzeit

    Nennen wir es eine Mutprobe.Wenn ein Solist aufdem Naturhorn einen Septsprung wagt, darf die Chance auf eine Punktlandung als gering bezeichnet werden. Weil die Chromatik dem Naturhorn ohne Ventilhilfe abgetrotzt werden muss, ist große Lippenkunst und das richtige Stopfen (das Einführen der Hand in den Schalltrichter) des Horns gefragt. Wäre unser Hornist Weitspringer, sähe das so aus: Der Athlet bekommt die Augen verbunden und soll bei vollem Anlauf das Brett optimal treffen und einen Acht-Meter-Satz hinlegen.Der Weitspringer hieß am Dienstagabend Samuel Seidenberg, der im zweiten Sinfoniekonzert der Spielzeit gemeinsam mit dem Sänger Bernhard Gärtner und dem Philharmonischen Orchester Gießen unter der Leitung von Herbert Gietzen Benjamin Brittens Serenade für Tenor, Horn und Streicher op. 31 intonierte. Seidenberg nutzte im solistischen Prolog das Naturhorn, die Septime gelang ihm tauglich (auch wenn’s keine acht Meter waren). Für die sechs Lieder der Serenade nutzte der Musiker dann das im  Orchester übliche Ventilhorn mit seiner weichen und vollen Klangfarbe, ehe er im kurzen Solo-Epilog wieder zum Naturhorn griff. Das selten gehörte Konglomerat aus Streichern, Tenorstimme und Horn bot ein vielschichtiges Klangspektrum. Seidenberg spielte akzentuiert und sauber; er  demonstrierte die hohe Kunst des Blechblasens. Britten lässt seine 1943 entstandene Serenade, deren Liedtexte von unterschiedlichen Dichtern stammen, um die dunklen Erscheinungen in der Nacht kreisen – das macht er spannungsreich und ohne Neutönermätzchen. Tenor Gärtner zeigte viel Gefühl für die Materie, er intonierte mit Empathie, auch wenn sein Englisch nicht nach Oxford klang. Das Orchester bewies wieder einmal Spielfreude. Die ausgefeilte Partitur setzten die Musiker unter Gietzens deutlichem Dirigat eindrucksvoll um – gemeinsam entführten Orchester und Solisten in eine fein abgestufte Klangwelt, in der die Tonalität im besten,weil nachvollziehbaren Sinn erweitert ist. Einen zweiten raren akustischen Leckerbissen bot der Überraschungsgast des Abends, Sarah Sachs. Die Studentin an der Frankfurter Hochschule für Musik interpretierte gemeinsam mit dem Orchester den ersten Satz aus dem Fagottkonzert von Carl Maria von Weber. Das kantilene Stück mit dem ungewöhnlichen Soloinstrument wurde von der zierlichen Musikerin prächtig eingefangen. Mit großem physischen Einsatz entlockte die junge Virtuosin ihrem Instrument satte Bässe, aber auch einen selten gehörten Fagottschmelz. Carl Maria von Weber zum Zweiten hieß es gleich im Anschluss: Gietzen hatte die Ouvertüre aus der Oper »Euryanthe« des frühen Romantikers ins Programm genommen, die vom Orchester schwungvoll und mit eindringlicher »Ritterromantik« gezeichnet wurde. Nach der Pause dann Dvoraks achte Sinfonie, die immer eine gute Wahl ist, weil sie mit ihren (in Maßen vorhandenen) Anklängen an die Natur das Herz des fortgeschrittenen Romantikers höher schlagen lässt. Gietzen sorgte in allen vier Sätzen für ein flottes Tempo und arbeitete die Themen quasi in Blöcken deutlich heraus. Das hatte Chuzpe und machte in den schnellen Ecksätzen viel her. Streicher und Bläser agierten im Fortissimo wie beseelt, im melodienreichen Adagio bewahrte der Dirigent Ruhe, ohne mit seinem Ensemble ins Tändeln zu geraten. Das verspielte Scherzo erklang mit feinem Timbre, die Holzbläser waren eine Bank, sie verliehen der verträumtesten aller Melodien der Achten schwelgerischen Glanz. Das Philharmonische Orchester verpasste dem folkloristisch-böhmischen Charakter der Sinfonie einen gelungenen Schub in die dramatische Richtung, was zur Folge hatte, dass das Publikum am Ende lang und ausgiebig applaudierte und einige Bravorufe zu hören waren. Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung, 08.10.2010